Gendergerechte Sprache und diskriminierungsfreies Schreiben sind einfach. Nicht zuletzt, weil es eine Reihe von möglichen Alternativen gibt, die diskriminierungsfreie Sprache und neutrale Schreibweise alltagstauglich machen. Was Gendern bedeutet und wie genau es in Texten umgesetzt werden kann, stelle ich in diesem Artikel vor. Ein Beitrag zur Sprachvielfalt.   

Gendergerechtes Schreiben

Gendergerechte Sprache, was ist das und was bedeutet „gendern“ eigentlich? Gendern meint das Nutzen und Benutzen einer fairen und demokratische Sprach- und Schreibweise. Es bedeutet die Einbeziehung aller Geschlechter und befasst sich sozusagen mit sprachlicher Inklusion. Gendergerechte Sprache ist also gelebte Sprachvielfalt. Dieser Artikel gibt einen Überblick über „Die Sache mit dem Gendern“ und stellt sowohl gängige Schreibweisen als auch neutrale Alternativen vor.

Sprache formt Wirklichkeit

Ein Rätsel vorweg. Können Sie es beantworten?

„Dr. Brandt wohnt in Hamburg und hat einen Bruder in Berlin, Prof. Brandt. Prof. Brandt hat aber keinen Bruder in Hamburg. Wie kann das sein?“

Die Antwort findet sich am Ende des Absatzes.

Über die Effekte von Sprache

Wenn wir morgens eine Zeitung aufschlagen oder online die neusten Nachrichten lesen, begegnen uns nur selten gegenderte Texte. Im Allgemeinen wird das Verwenden der männlichen Form (auch „generisches Maskulinum“ genannt) als ausreichend verstanden, denn sie meint sowohl Männer als auch Frauen.

Sprache ist aber nicht immer eindeutig. Und nicht immer gerecht. Wer eine männliche Berufsbezeichnung hört, hat auch unweigerlich einen Mann vor Augen. Und Studien bestätigen das. Denken Sie mal an einen berühmten deutschen Politiker. Na, haben Sie sofort Angela Merkel im Kopf? Oder eher Helmut Kohl?

Auch Studien zu dem Thema bestätigen diesen Effekt. In einer Befragung wurden Männer und Frauen gefragt, wer ihr liebster Romanheld sei. Die Ergebnisse der Befragung zeigten, dass fast doppelt so oft weibliche Charaktere genannt wurden, wenn nach Romanfiguren oder Romanheldin/Romanheld gefragt wurde.

Frauen mögen zwar bei der Nutzung der rein männlichen Form eines Wortes automatisch mit gemeint sein, aber Leser*innen und Gesprächspartner*innen denken eben nicht automatisch an Männer und Frauen. Gendergerechte Sprache kann das ändern. Können Sie sich noch an das Rätsel vom Anfang erinnern? „Dr. Brandt wohnt in Hamburg und hat einen Bruder in Berlin, Prof. Brandt. Prof. Brandt hat aber keinen Bruder in Hamburg.“ Wie kann das sein?

Achtung Rätsel-Spoiler!

Des Rätsels Lösung: Dr. Brandt ist eine Frau. Darum hat Prof. Brandt natürlich keinen Bruder in Berlin, sondern eine Schwester. Durchschnittlich kann nur einer von zehn Befragten die richtige Antwort auf die Frage nennen. Hätten Sie es gewusst?

Gendern? Was ist das? Grundlagen und Definition

Gendern leitet sich ab von Gender. Und das Wort Gender stammt aus dem Englischen und meint Geschlecht im Sinne von ‚das soziale Geschlecht‘. Mit sozialem Geschlecht ist die Konstruktion von Geschlecht in Bezug auf Normen und Machtmechanismen gemeint, wie z.B. Geschlechterrollen und -klischees, aber auch Erwartungen und kulturelle Unterschiede, die an das biologische Geschlecht gekoppelt werden. Das Geschlecht wird zu einer sozial konstruierten Identität. So kann das Geschlecht eines Menschen nicht nur weiblich oder männlich, sondern auch divers sein.

Gendern bedeutet als Verb somit die Berücksichtigung des Geschlechteraspektes und einen bewussten und gleichberechtigten Umgang mit Sprache, außerhalb von Rollenklischees.

Im allgemeinen Sprachgebrauch ist mit gendern allerdings nicht immer die Berücksichtigung aller biologischen und sozialen Geschlechter gemeint. Oft wird lediglich die explizite Nennung der weiblichen Form in Ergänzung zur männlichen als gendern verstanden.

Gendern heißt also nichts anderes, als niemanden auszuschließen. Es bedeutet bewusst und sensibel mit Worten umzugehen, gleichberechtigt zu schreiben und zu reden: Das ist gendergerechte Sprache. Um das elegant zu tun, gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten. Übrigens: Das Verb gendern steht im Duden und ist offiziell Bestandteil der deutschen Sprache.

Gängige Schreibweisen: Von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten

Es gibt eine Reihe gängiger Schreibweisen, um Texte geschlechtergerecht zu formulieren und an eine gendergerechte Sprache anzupassen. Einige davon werden kontrovers diskutiert, denn nicht alle Möglichkeiten lassen sich problemlos anwenden. Auch gramatikalisch können sich Probleme auftun, denn gendergerechtes Schreiben meint nicht nur das Subjekt eines Satzes. Angepasst werden muss oft die komplette Grammatik.

Hier eine Übersicht über die gängigsten Möglichkeiten und Schreibweisen:

Im redaktionellen Bereich, in wissenschaftlichen Arbeiten, aber auch in Texten im Allgmeinen wird diese kurze Info vorangestellt oder durch eine Fußnote integriert:

„Um den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen wird hier und im folgenden Text zwar nur die männliche Form genannt, stets aber die weibliche Form gleichermaßen mitgemeint.“

Frauen werden theoretisch mitgemeint, aber praktisch nicht im Text dargestellt.

Männliche und weibliche Form werden parallel benutzt:

Erzieher und Erzieherinnen

der Mitarbeiter und die Mitarbeiterinnen

Frauen und Männer werden angesprochen, aber keine weiteren Geschlechter. Sätze können sehr lang werden.

 

Die weibliche Form wird über einen Schrägstrich an die männliche angebunden:

der/die Arbeiter/in

die Schüler/innen

Frauen und Männer werden angesprochen, aber es können gramatikalische Probleme entstehen.

Weibliche und männliche Form werden durch Großbuchstaben dargestellt:

MitarbeiterInnen

ErzieherInnen

JedeR

Frauen und Männer werden angesprochen, aber schwierige  Umsetzung. Gängige Kritik: Lesefluss wirkt durch die Großbuchstaben ungewohnt.

Männliche und weibliche Form werden durch ein Sternchen * getrennt. Dieser soll Raum für weitere Geschlechter schaffen. So werden Menschen, die sich keinen klassischen Geschlechterrollen zugehörig fühlen, mit angesprochen.

ein*e Jurist*in

der*die Student*innen

Leser*innenschaft

Es werden nicht nur zwei, sondern alle Geschlechter einbezogen. Gramatikalisch können Probleme entstehen.

Männliche und weibliche Form werden durch einen Unterstrich „_“ getrennt. Dieser soll Raum für weitere Geschlechter schaffen und sichtbar machen:

ein_e Reporter_in

der_die Dozent_innen

Zuhörer_innenschaft

Es werden nicht nur zwei, sondern alle Geschlechter einbezogen. Gramatikalisch können Probleme entstehen.

Die weibliche Form wird in Klammern gesetzt und an die mänliche angefügt:

Mitarbeiter(innen)

Zuhörer(in)

Frauen und Männer werden angesprochen, aber es entsteht eine klare Hirachie und Frauen werden „ausgeklammert“.

Nicht alle Schreibweisen lassen sich problemlos auf alle Wörter anwenden. Nehmen wir den Arzt. Hier tun sich für das Binnen-I (ArztIn oder ÄrztIn), den Schrägschrich (Arzt/in Ärzt/in) und auch das Gendersternchen (Arzt*in oder Ärzt*in) grammatikalische Schwierigkeiten auf. Möglich wäre die Paarform (Arzt und Ärtin) oder auch eine Kombination von Paarform und Gendersternchen oder Gender-Gap (Arzt*Ärztin oder Arzt_Ärztin). Es gibt keine Unmöglichkeiten, solange der Gedanke nach einer gendergerechten Sprache und Schreibweise im Vordergrund steht. Und auch das Suchen nach kreativen Lösungen darf eine Möglichkeit sein.

Geschickt gendern, elegant lesen: neutrale Schreibweisen und Formulierungen in gendergerechter Sprache

Wer ohne Großbuchstaben, Sonderzeichen oder Doppelungen arbeiten will, der sollte sich die genderneutrale Schreibweise genauer ansehen. Durch das bewusste Benutzen neutraler Begriffe werden alle Geschlechter gleichermaßen angesprochen. Durch substantivierte Verben und Adjektive oder geschlechtsneutrale Pluralbildungen werden genderneutrale Wörter geschaffen. Oft gehört auch kreatives Umformulieren dazu. So werden aus Student*innen Studierende und aus Kassenpatienten und Kassenpatientinnen einfach Versicherte der Krankenkassen.

Neutrale Begriffe zu finden ist nicht immer einfach. Das Genderwörterbuch GESCHICKT GENDERN ist eine wachsende Sammlung von gendergerechten Begriffen und alternativen Wörtern. Dort können Wörter online nachgeschlagen und gefunden werden, aber auch neue Vorschläge eingereicht werden. Hier einige Beispiel zu neutralen Formulierungen:

Studentensekretariat und Studentenvertretung werden zu Studierendensekretariat und Studierendenvertretung.

Der Adressat wird zur adressierten Person und der andere zum Gegenüber.

Aus Urlaubern werden Reisende und aus dem Verantwortlichen die verantwortliche Person.

Von Mannschaften und Heulsusen

Gendergerechte Sprache und geschlechtergerechtes Schreiben bedeutet auch, Rollenklischees zu vermeiden. Und davon gibt es in unserer Sprache eine ganze Menge. Wir sprechen Stereotypen an und weisen Frauen und Männern damit Eigenschaften und Erwartungen zu. Hier ein paar Fragen zum Nachdenken:

  1. Kann Philipp eine Heulsuse sein oder nur ein Zappelphilipp? Und was ist überhaupt mit Tom und Laura?
  2. Gibt es bei der Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft überhaupt Mannschaften?
  3. Kann ein Mann seinen Mädchennamen aufgeben oder kann das nur eine Frau?
  4. Können Männer jungfräulich sein? Oder Braucht man dazu eine Jungfrau?
  5. Ein Brautpaar besteht aus zwei Bräuten …, oder?
  6. Darf Papa mit zur Mutter-Kind-Gruppe und beraten sie auch Väter bei der Mütterberatungsstelle?

Geschlechterneutrales Formulieren bedeutet auch Reflektion über die eigene Sprache und den eigenen Sprachgebrauch. „Was sage ich da überhaupt und wie meine ich es?“ Eine Mannschaft kann zum Beispiel auch ein Team sein. Vor allem wenn sie aus elf Frauen besteht und für alle Deutschen einen Pokal nach Hause holt. Und es gibt ja auch durchaus Männer, die ihren Geburtstnamen mit der Ehe aufgeben.

Im Endeffekt ist nur eins wichtig, nämlich sich mit seinen Texten wohlzufühlen.

Links und Tool Tipps für gendergerechte Sprache

Das Genderwörterbuch GESCHICKT GENDERN liefert mit einer wachsenden Sammlung neutraler Begriffe ein umfangreiches Nachschlagewerk zum gendergerechten Schreiben mit neutralen Alternativen. Wortideen und Wortfindungen sind inklusive.

Genderleicht.de is ein Projekt des Journalistinnenbunds. Hier gibt es Tipps & Tricks, ein Textlabor und einen Blog zum Thema diskriminierungsfreies Schreiben und Sprechen.

Mit dem Leitfaden überzeuGENDERe Sprache stellt die Gleichstellungsbeauftrage der Universität Köln ein umfangreiches Dokument zum Download zur Verfügung. Hier finden Interessierte auch Tipps für die Umsetzung in englischen Texten, für wissenschaftliche Arbeiten und für Korrezpondez im Allgemeinen.

In forscherinnen von der förde –genannt oder »mitgemeint«? präsentiert die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Forschung und Empfehlung zum Thema. Das Rätsel um Dr. Brandt und seinen Bruder können Interessierte hier wiederfinden.